Profil anzeigen

Die Wahlkampf-Nerven werden dünner

LN – Die NewsletterinLN – Die Newsletterin
LN – Die Newsletterin

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
die Bundestagswahl rückt näher: Dafür muss ich nicht mal auf den Kalender schauen, ein Blick in die sozialen Medien reicht. Kaum ein anderes Thema wird dort zurzeit diskutiert, der Ton aus den Parteien wird schärfer. Das letzte Triell von Scholz, Laschet und Baerbock hat gezeigt, dass auch 16 Jahre mit einer Frau an der Spitze Deutschlands den Sexismus im Politik-Betrieb nicht weggewischt haben. Die Details dazu gibt es in der Twitter-Diskussion der Woche.
Die Lübecker Nachrichten stellen ihnen die Kandidierenden aus den Wahlkreisen vor: Eine Auswahl an Porträts finden Sie in diesem Newsletter ebenso wie die Antwort auf die Frage, warum Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien, immerhin Mitglied im “Zukunftsteam” der CDU, in Thüringen lieber SPD wählen würde.
Prien machte noch mit einer anderen Debatte Schlagzeilen: In Schleswig-Holsteins Schulen bleiben Gender-Sterne, -Unterstriche und -Doppelpunkte mitten im Wort verboten, das hat die Bildungsministerin mit einem Erlass an die Schulen nochmal deutlich gemacht. Die Folge: Ordentlich Knatsch in der sonst so friedlichen Jamaika-Koalition in Kiel.
Ich persönlich kann so viel Ablehnung gegenüber Satzzeichen nicht nachvollziehen und bezweifle, dass sie für den Untergang der deutschen Sprache verantwortlich sein werden, wie es Kritiker befürchten. Wie sehen Sie das? Schreiben Sie mir Ihre Meinung gern an sophie.schade@ostsee-info.de. Ein Gutes hat die Diskussion ja: Man könnte fast ein Gefühl von Normalität bekommen, wo es jetzt statt 82 Millionen Virologen wieder 82 Millionen Sprachwissenschaftler gibt.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende
Ihre
Interview der Woche

Heidrun Stegen vom Autonomen Frauenhaus Lübeck (Quelle: Schade)
Heidrun Stegen vom Autonomen Frauenhaus Lübeck (Quelle: Schade)
Wenn die Situation zu Hause eskaliert, ist das Autonome Frauenhaus Lübeck ein Zufluchtsort für Frauen und Kinder in Not. Heidrun Stegen arbeitet dort seit über 30 Jahren. Ein Gespräch darüber, warum diese Menschen auch Flüchtlinge sind und über die dauerhafte Unterfinanzierung von Frauenhäusern.
Wie sind Sie in die Position gekommen, in der Sie jetzt sind?
Ich habe in Hamburg Sonderschulpädagogik studiert. Dort habe ich schon sehr von der Vorarbeit der 68er-Frauen profitiert: Sie haben schon viele Frauenrechte und Dinge wie den Frauen-ASTA erkämpft, so dass ich mich während des Studiums relativ frei entfalten konnte. Mich hat zu dieser Zeit schon die Arbeit in selbstverwalteten Projekten wie dem Autonomen Frauenhaus sehr gereizt. Ich halte die kulturelle und politische Arbeit, die solche Projekte leisten können, für sehr wichtig. Wir können viel schneller auf aktuelle Entwicklungen reagieren als wenn wir in große hierarchische Verbandsstrukturen eingebunden wären. Seit 1988 arbeite ich jetzt im Autonomen Frauenhaus Lübeck.
Welche Klischees können Sie nicht mehr hören?
Es gibt viele platte Klischees über Feministinnen: “Die sind ja alle Männerhasserinnen, wofür gibt es die überhaupt noch, Frauen dürfen doch schon alles” - Alle Arten von respektlosen und abwertenden Sprüchen müssen einfach nicht sein. Die Quotierungsdebatte oder der Equal Pay Day zeigen, dass der Feminismus noch längst nicht überholt ist. Dazu zum Beispiel die Situation in Afghanistan oder in der Türkei, wo die Istanbul-Konvention gegen Gewalt an Frauen ausgesetzt wurde.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Frauen, denen Sie in Ihrer täglichen Arbeit begegnen?
Sich von seinem gewalttätigen Partner zu trennen und sich aus dieser Machtbeziehung herauszulösen, ist immer ein Wagnis und erfordert viel Mut. Die Frauen müssen für sich und ihre Kinder, wenn sie welche haben, das Leben komplett neu organisieren: Da spielt Angst vor finanzieller Unsicherheit eine große Rolle, die Sorge vor der Reaktion von Familie und Freunden. Das alles kann erstmal einen sozialen Abstieg bedeuten, wobei ich die gesellschaftspolitische Einstellung zu häuslicher Gewalt als intelligenter erlebe als noch vor 30 Jahren.
Die langwierigste Aufgabe ist aber, die Gewalt aufzuarbeiten, die die Frauen erlebt haben und ihre Stärke zurückzugewinnen. Wichtig ist dabei auch die Kinder einzubeziehen. Kinder, die in einer Gewaltbeziehung groß geworden sind, leben nun einmal in einem sehr angstvollen, unsicheren Umfeld. Wir wollen Kinder und Frauen dazu befähigen, über die Grenzen des Erlebten hinaus zu leben und ihre Resilienz stärken.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Frauenhäuser in Schleswig-Holstein?
Zunächst muss anerkannt werden, dass häusliche Gewalt kein individuelles Familienproblem ist, sondern eine Menschenrechtsverletzung, denn: Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Ich habe das Gefühl, dass das als gesamtgesellschaftliches Problem noch nicht präsent genug ist. Im Grunde sind das Flüchtlinge, die zu uns kommen, weil sie vor Gewalt flüchten - und trotzdem mussten wir 2021 von Januar bis August 382 Frauen und Kinder abweisen, weil unsere Kapazitäten zu knapp sind.
Unsere Finanzierung ist immer ein Thema: Wir haben guten Kontakt zur Stadt, werden durch Spenden unterstützt und seit 1994 auch vom Land gefördert. Nun soll es eine neue Finanzierungsrichtlinie geben, in der die Miet- und Sachkosten viel zu knapp kalkuliert würden, die Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit soll gestrichen werden. Kriseninterventionsarbeit wird nicht honoriert. Aber wir wollen uns nicht auf reine Carearbeit reduzieren lassen, wir denken und arbeiten gesellschaftspolitisch weiträumiger. Wir brauchen eine verlässliche, ausreichende Vollfinanzierung.
Was möchten Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?
Folgt euren eigenen Träumen. Lernt, euch als Mensch wertzuschätzen und kulturell vorgegebene Muster zu sprengen. “Nein” sagen zu können ist auch eine sehr wichtige Fähigkeit. Und ich wünsche mir, dass wir weiterhin für Frauenrechte kämpfen und wachsam sind.
Welche Frauen sind Ihre Vorbilder, Ihre Inspiration?
Ich bewundere den Mut von Malala Yousafzai in ihrem Kampf für die Bildung von Mädchen. Simone de Beauvoir darf als eine der Vordenkerinnen des Feminismus auch nicht fehlen: Sie war die erste Philosophin, die deutlich gesagt hat, dass Erziehung und Haushalt keine reine Frauenaufgabe sind.
Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?
Es klingt paradox, aber es wäre schön, wenn es keine Frauenhäuser mehr bräuchte. Nach so vielen Jahren bin ich aber nicht davon überzeugt, dass es je so weit kommen wird. Für mich persönlich wünsche ich mir, dass ich meine Lebenslust und Lebensfreude weiterhin erhalte. Und ich werde, auch wenn ich irgendwann in Rente bin, immer noch die Themen Feminismus und Frauenrechte weiterverfolgen.
Bundestagswahl 2021

Claudia Schmidtke (CDU): „Es ist wichtig, nicht die Bodenhaftung zu verlieren“
Bundestagswahl 2021: Malin Schultz ist Kandidatin der Linken im Wahlkreis 8 Segeberg-Stormarn
Wegen Maaßen: CDU-Ministerin Prien würde in Thüringen SPD wählen
Nachrichten aus der Politik

Schwarzenbek: Frauen in Not bekommen jetzt per Chat Hilfe
Ministerin Sütterlin-Waack: Gewalt gegen Frauen kein Randphänomen
ARD-Wahlarena: Was eine Frau aus Ratekau mit Annalena Baerbock erlebte
Debatte um das Gendern

Geschichte des Genders zwischen Klammer, Gendersternchen und Doppelpunkt
So halten es Segeberger mit genderneutraler Sprache
Unser Blick in die Kultur

Kerstin Ott: „Es gibt Menschen, die mich für meine Art zu leben verurteilen“
Galerie Artler präsentiert Künstlerin Ulrike Heil in Lübeck 
Künstlerinnen der Gedok laden in Lübeck zum Konzert und zur Ausstellung ein
... und nun zum Sport!

Rollkunstlaufen: Emilia Zimermann aus Lübeck tanzt zu EM-Bronze
Lübeckerin Svea Pichner rudert in einer anderen Dimension
Laura Ludwig: „Habe noch unfassbar viel Bock auf Beachvolleyball“
Fitness Convention: Tanja Schumann leitet Lübecker Sportfans an
Der Buch-Tipp

Emilia Roig deckt die Muster der Unterdrückung auf und leitet zu radikaler Solidarität an. Sie zeigt – auch anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie –, wie Rassismus und Black Pride, Trauma und Ausschwitz, Homofeindlichkeit und Queerness, Patriarchat und Feminismus aufeinanderprallen.
Erschienen im Aufbau Verlag, 397 Seiten, 22 Euro
Twitter-Diskussion der Woche

Zum Triell der Kanzlerkandidierenden in ARD und ZDF hatte sich die Twitter-Gemeinde zum Rudelgucken verabredet, die Argumente und das Auftreten der Beteiligten wurde live analysiert. Der Tenor: Unverständnis über die Wahrnehmung von Annalena Baerbock als sympathisch, aber am wenigsten kompetente Kandidatin und Kritik am Moderations-Duo.
teresa bücker
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen, dass die Kandidatin beim #triell ausgerechnet bei Sympathie-Werten punktet, aber nicht bei Kompetenz, obwohl auch sie sehr kompetent argumentiert hat.

Besser als diese Umfrage kann man einen sexistischen Bias kaum zeigen.
Mathieu von Rohr
Was auffällt: #Baerbock will das Thema Klima noch verlängern, Moderator lehnt ab. Davor hat #Laschet immer wieder seine Themen mit weiteren Angriffen verlängern dürfen. #triell
Ingo Arzt
Baerbock antwortet auf fast alle Fragen präzise, konkret, direkt und mit Fachkenntnis.

In den Umfragen danach finden sie die meisten: nett, aber nicht kompetent.

Für das Phänomen gibt es ein Wort: Sexismus.
#Triell
Julius Betschka
Der Blick von Maybrit Illner gerade als Oliver Köhr sie ungefähr zum 1378 mal unterbrochen hat: pure hate. Das wird eine lustige After Show später. Man, ist das unprofessionell. #Triell
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Teilen Sie diesen Newsletter:
Wenn Sie diesen Newsletter nicht mehr empfangen wollen, können Sie ihn hier abbestellen.
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde, können Sie ihn hier abonnieren.