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Elke Sasse: "Nur durch Vielfalt kann die Gesellschaft besser werden"

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LN – Die Newsletterin

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
als ich elf Jahre alt war, wurde mit Angela Merkel zum ersten Mal eine Frau zur Bundeskanzlerin gewählt. Marlene Stamer aus Schretstaken im Herzogtum Lauenburg ist heute elf Jahre alt und wird Merkel wohl als die Regierungschefin in Erinnerung behalten, bei der sie sich einmal beschweren musste, weil sie das Hin und Her in der Corona-Politik leid war. Ich hätte mich in dem Alter wohl nicht getraut, eine Mail an die Kanzlerin zu schicken: Deshalb habe ich mit Marlene darüber gesprochen, was Sie der Kanzlerin zu sagen hatte. Auf eine Antwort aus Berlin wartet die Schülerin jedenfalls noch.
Lenken wir den Blick von der Bundespolitik einmal in die Lokalpolitik in der Lübecker Bucht: Leitet bald eine Frau die Geschicke von Timmendorfer Strand? Insgesamt gibt es fünf Bewerbungen auf das Amt des Bürgermeisters, nachdem der Vorgänger Robert Wagner wegen seines schlechten Führungsstils entthront wurde. Weiter unten im Newsletter erfahren Sie, wer die beiden Damen sind, die es besser machen möchten.
Wenn ich eine Sache aus meinem Kulturwissenschaftsstudium behalten habe, dann ist es diese: Im Feminismus geht es nicht nur um Frauen. Es geht darum, jegliche Art von Diskriminierung abzuschaffen - sei es aufgrund der sozialen Herkunft, einer Behinderung oder der Sexualität. Deshalb gibt es in der neuen Buchrubrik als Lesetipp ein Buch zum Thema Transsexualität. Ich verrate so viel: Es ist unter den Biografien, die ich bisher gelesen habe, meine liebste.
Ich wünsche Ihnen fröhliche Osterfeiertage - bleiben Sie gesund!
Ihre
Interview der Woche

Beim Thema Gleichstellung und Vielfalt ist sie die erste Ansprechpartnerin in Lübeck: Elke Sasse ist die Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt. Im Interview erzählt die 49-Jährige, warum das Argument “Wir haben keine qualifizierte Frau gefunden” heutzutage nirgendwo mehr gilt.
Da Elke Sasse als Gleichstellungsbeauftragte großen Wert auf geschlechtersensible Sprache legt, hat sie in Ihren Antworten bestimmte Formulierungen mit einem Doppelpunkt gegendert.
Wie sind Sie in die Position gekommen, in der Sie heute sind?
Ich bin Politologin und in meinem Studium habe ich mich viel mit den Ursachen sozialer Ungleichheit beschäftigt. Nach ersten beruflichen Stationen bei einer Partei und 6 Jahre in der Präsidialverwaltung der Universität Hamburg, sah ich diese Stellenausschreibung.
Der Beruf der Gleichstellungsbeauftragten begann sich seit Mitte der 80er-Jahre zu etablieren - und ich spielte schon länger mit dem Gedanken, mich hier auf kommunaler Ebene zu engagieren. Als ich dann diese Ausschreibung für Lübeck sah, eine Stadt, die ich von Besuchen her einfach nur toll fand, war klar, dass ich mich bewerbe. Es gab dann ein Auswahlverfahren über ein Assessment-Center, das an einem Sonnentag im Juni stattfand. Gemeinsam mit sieben Mitbewerberinnen aus dem ganzen Bundesgebiet gab es ganztägig diverse Aufgaben, die bewältigt werden mussten: vom Rollenspiel über einen Vortrag bis hin zur Gruppendiskussion. Zwei Tage später kam dann der Anruf, dass ich die Auswahlkommission überzeugen konnte.
Wann waren Sie zuletzt die einzige Frau in der Runde?
Zum Glück bin ich das nur noch sehr selten. Bei der Stadt haben wir inzwischen 46% Frauen auf der Führungsebene - da kommt es eigentlich kaum noch vor, die einzig anwesende Frau zu sein. Das ist also wirklich schon so lange her, dass ich es nicht mehr erinnere. Wenn es doch mal passiert, begrüße ich die Runde meist mit „Guten Tag, die Herren“, damit gleich deutlich wird, was hier gerade los ist.
Welche Herausforderungen sehen Sie heute immer noch für Frauen auf dem Weg nach oben?
Meines Erachtens gibt es zwei besondere Hürden. Da ist zum einen die Balance zwischen Beruf und Familie. Es wird sowohl von außen noch immer erwartet und frau setzt sich meist auch selbst unter Druck, dies beides gleichzeitig optimal hinzubekommen. Die Lebensphase, wo die Karrierewege nach dem beruflichen Einstieg deutlich nach vorn gehen, ist meist auch die Zeit, wo zumindest für Frauen das Thema ‚Kinder ja oder nein‘ ansteht. Da „tickt“ nach wie vor die biologische Uhr und die Gleichzeitigkeit zweier herausfordernder Ereignisse hemmt.
Natürlich sind die Kinderbetreuungsangebote in den letzten Jahren viel besser und umfassender geworden. Aber insbesondere der Weg nach oben verlangt leider immer noch überproportionalen Einsatz, das heißt Mehrstunden und Abendtermine. Das funktioniert mit Kindern schlecht. Hier brauchen wir ein umfassenderes KiTa-Angebot auch in den Abendstunden. Denn nicht nur Frauen „auf dem Weg nach oben“, sondern auch jede:r Kassierer:in, Altenpfleger:in et cetera hat Arbeitszeiten, die nicht mit den klassischen Kinderbetreuungszeiten zusammenpassen.
Gleichzeitig brauchen wir aber auch einen Bewusstseinswandel: warum muss ich allzeit verfügbar sein, wenn ich beruflich erfolgreich sein und Karriere machen will? Die Unternehmen müssen eine andere Kultur von „guter" Arbeit leben, das heißt, dass sie wirklich ein Interesse daran haben, dass ihre Mitarbeiter:innen ausgeglichen ihre Arbeit tun, ausgeruht - und so auch mittel- und langfristig auch gut für das Unternehmen tätig sein können.
Und Frauen selbst können mehr delegieren: mann kann das auch - er macht es vielleicht anders als frau, aber nicht unbedingt schlechter! Und viele junge Männer, das beobachte ich zunehmend mehr in den vielen Vorstellungsgesprächen, wollen das auch: Familie und Beruf leben und nicht nur der Feierabend- und Wochenend-Papa sein.
Gibt es Sprüche, die Sie nicht mehr hören können?
Als erstes fällt mir da spontan diese Dauer-Rechtfertigung ein: „Wir wollten ja, aber wir haben keine Frau gefunden…“. Dieses Argument begegnet mir häufig von Seiten der Kommunalpolitik, zum Beispiel bei der Besetzung der Aufsichtsrats-Posten. Als ich dann im Zusammenspiel mit vielen hochkompetenten Frauen eine Liste von qualifizierten Frauen vorlegte, die bereit waren, Verantwortung als Aufsichtsrätin zu übernehmen, zählte das Argument dann nicht mehr. Jetzt endlich, wo gerichtlich geklärt ist, dass die Aufsichtsrats-Posten geschlechterparitätisch besetzt werden müssen, zeigt sich: es geht! Und es sind durchaus Frauen da, die diese Positionen bekleiden können und wollen.
Oder auch die Argumentation: die Frauen wollen ja nicht in Führung gehen. Aber es wird nicht gefragt, warum das so ist. Ist es vielleicht überfällig, die Rahmenbedingungen der Arbeit so zu gestalten, dass sie nicht nur für Frauen attraktiv und lebbar sind?
Ebenso „nervig“ ist der Satz, dass sich Frauenförderung gegen Männer richte – das Gegenteil ist der Fall: sie macht das Leben für alle besser. Aktuelles Beispiel aus der Stadtverwaltung, ist die Einführung der Telearbeit – vor Jahren damit begonnen, mit der Intention der Frauenförderung, kommt sie nun allen – und insbesondere dem Unternehmen selbst, gerade in Corona-Zeiten, zugute.
Was sollte getan werden, damit Frauen in der Politik noch präsenter sind?
Ich bin schon zu lange dabei, um zu glauben, dass guter Wille allein reicht, das heißt, ich bin eine Verfechterin der Quote. Ich bin überzeugt, dass es auch für die Politik eine gesetzliche Regelung bezüglich Geschlechterparität braucht. Ansonsten dauert es viel zu lange, das zeigen die rückläufigen Zahlen von Frauen im Bundes- und Landtag und auch in der Lübecker Bürgerschaft. Aktuell sind von den 49 Bürgerschaftsmitgliedern nur noch 13 Frauen, also gerade einmal 27 Prozent.
Daneben braucht es aber auch eine andere Sitzungskultur, etwa kürzere Sitzungen zu Zeiten, die Menschen mit unterschiedlichen Verpflichtungen auch besuchen können. Wir diskutieren ja gerade zum Beispiel ein Kinderbetreuungsangebot während Ausschuss-Sitzungen, aber das Thema ist zäh. Neben diesem Angebot braucht es auch eine effektivere Sitzungskultur.
Ebenso könnten Politik-„Projekte“ etabliert werden, die für alle politisch Interessierten offen sind. Denn es gibt ja nicht nur zu wenige Frauen in der Politik, sondern das Thema ‚Politikverdrossenheit‘ betrifft ja alle. Hier könnte jede:r mittels eines interessierenden Themas dabei sein für eine zeitlich überschaubare Zeit. So können Menschen erleben, vor Ort wirksam zu sein, ohne die mühsame Hierarchie durch einen Parteiapparat, über einen Ortsverein durchlaufen zu müssen, was vielfach wenig attraktiv ist.
Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?
Trau dich. Probiere alles aus, auch das, von dem du denkst, dass es dir nicht liegt. Viele wachsen ja immer noch mit den klassischen Rollenklischees auf, was Frauen besser können, was Männer besser können - bewusst oder unbewusst. Sich nicht abhalten lassen von dummen Sprüchen, üben und lernen, dagegen zu halten.
Sich selbst treu bleiben, nicht anpassen an die „männliche“ Norm, denn nur durch ganz unterschiedliche Menschen in ihrer ganzen Vielfalt kann die Gesellschaft, kann jedes Unternehmen besser werden. Und denjenigen, die eine Familie planen: prüfen, ob deie der Partnerin oder des Partners bereit ist, zu unterstützen und aktiv in die familiären Verpflichtungen miteinzusteigen.
Welche Frau ist Ihr Vorbild, Ihre Inspiration?
Schwierige Frage. Es gab und gibt immer wieder Frauen, die ich toll finde. Aber das eine „Vorbild“ gibt es nicht. Wen ich nach wie vor sehr bewundere ist Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth, aber ebenso Jutta Allmendinger, Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums. Beide Frauen sind engagierte Streiterinnen für das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Engagiert, feministisch, überzeugt und überzeugend!
Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Beruflich: den Aktionsplan Gleichstellung, den wir gerade vorbereiten mit Leben zu füllen und dann umsetzen! Ein Aktionsplan, den die Stadt atmet, lebt und kein Papier für die Schublade. Ganz persönlich: ausgiebige Treffen mit Freund:innen; diese Treffen hoffentlich bald wieder leben zu können, darauf freue ich mich! Und eine mehrtägige Radtour. Den ganzen Tag draußen zu sein, ist wunderbar.
Elke Sasse, Lübecks Gleichsstellungsbeauftragte (Foto: Roeßler)
Elke Sasse, Lübecks Gleichsstellungsbeauftragte (Foto: Roeßler)
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Der Buchtipp

Eigentlich ahnt er es seit seinem sechsten Lebensjahr. Doch aus Sorge darüber, wie sein Umfeld reagieren könnte, verschweigt Linus lange, wer er wirklich ist. Mit dem Satz “Ich bin Linus” beginnt im Sommer 2017 sein neues Leben, das endlich nicht mehr von Scham, sondern Befreiung geprägt ist. Offen erzählt Linus Giese von seiner zweiten Pubertät, euphorischen Gefühlen in der Herrenabteilung, beklemmenden Arztbesuchen, bürokratischen Hürden, Selbstzweifeln, Freundschaft und Solidarität, von der Macht der Sprache und digitaler Gewalt. Seit seinem Coming-Out engagiert sich Linus für die Rechte von Transmenschen.
In seiner Biografie erzählt Linus Giese, warum er 31 Jahre alt werden musste, um laut auszusprechen, dass er ein Mann und trans ist und warum sein Leben heute nicht einfacher ist, denn vor allem im Netz begegnet ihm seither immer wieder Hass - und warum er trotzdem glücklicher ist.
Das Buch (224 Seiten, 15 Euro) ist bei Rowohlt erschienen.
Twitter-Diskussion der Woche

Am Mittwoch war #TransDayOfVisibility: Ein Aktionstag, um auf die Hürden und Anfeindungen aufmerksam zu machen, die Transpersonen immer noch erleben. Unter dem Hashtag haben sie ihre Erfahrungen und Gedanken auf Twitter geteilt.
Liban Farah
Heute ist #TransDayOfVisibility

Der Begutachtungszwang muss abgeschafft werden!

„Begutachtete werden oft gezwungen, sich auszuziehen, obwohl die Begutachtenden nicht qualifiziert sind. Oft werden Fragen über sexuelle Orientierung, Unterwäsche oder sexuelle Phantasien gestellt“
Takeover @Emmanzipation | Fridays for Future DE
Ich kann in 74 Länder nicht reisen, weil ich Teil der LGBTQIA*-Community bin. Deshalb brauchen wir Queerfeminismus! #TransDayOfVisibility /emma
Vicky - unsteuerbar - Spielfrau
Heute ist #TransDayOfVisibility 💙💗 Friendly reminder:
Trans Frauen sind Frauen. Trans Frauen sind Frauen. Trans Frauen sind Frauen. Trans Frauen sind Frauen. Trans Frauen sind Frauen. Trans Frauen sind Frauen. Trans Frauen sind Frauen. Trans Frauen sind Frauen. End of story ✌️
Das Beste zum Schluss: Träumen vom Sommer

LN-Autorin erinnert sich: Reisen mit dem Camper an Nord- und Ostsee
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