Profil anzeigen

In Gedanken bei den Frauen von Kabul

LN – Die NewsletterinLN – Die Newsletterin
LN – Die Newsletterin

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es gibt Nachrichten, die lassen die eigenen Sorgen winzig werden. Die die Ungerechtigkeiten, über die ich mich im Alltag ärgere, nichtig erscheinen lassen. Die Bilder, die in diesen Tagen aus Afghanistan um die Welt gehen, machen sprachlos: Die Taliban haben die Regierung gestürzt, Menschen versuchen panisch, irgendwie vom Flughafen in Kabul aus zu fliehen - und sei es an das Fahrgestell eines Flugzeugs geklammert, wohl wissend, dass sie diesen Akt der Verzweiflung nicht überleben werden.
Währenddessen werden in den Städten Werbeplakate mit Frauengesichtern übermalt. Politiker in aller Welt und Menschenrechtlerinnen befürchten, dass mit der Machtübernahme der Taliban alle Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung, die in den vergangenen 20 Jahren erzielt wurden, zunichtegemacht werden. Die Lage in Afghanistan ist unübersichtlich, es gibt fast stündlich neue Meldungen. Noch ist es nicht Gesetz, dass Mädchen und Frauen nur noch vollverschleiert das Haus verlassen, nicht mehr zu Schule und arbeiten gehen dürfen. Aber Menschen- und Frauenrechtsorganisationen befürchten das Schlimmste.
Mich machen diese Nachrichten sprachlos, weil sie schmerzhaft deutlich machen, dass Frauenrechte in einigen Teilen der Welt nicht selbstverständlich sind. Es gibt Möglichkeiten, für die Frauen in Afghanistan zu spenden, zum Beispiel über den Afghanischen Frauenverein. Außerdem wird im September der Bundestag neu gewählt, der auch über Auslandseinsätze und die Aufnahme von Geflüchteten entscheidet. Einen Teil der Frauen, die aus Schleswig-Holstein zur Wahl stehen, haben wir bereits in den LN vorgestellt - die Porträts finden Sie im Newsletter.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende
Ihre
Interview der Woche

Dr. Kim Honselmann (Quelle: UKSH)
Dr. Kim Honselmann (Quelle: UKSH)
Wie kann man Bauchspeicheldrüsenkrebs besser und frühzeitiger behandeln? Das ist im Groben die Frage, die Dr. Kim Honselmann vom UKSH Lübeck in ihrer Forschung beschäftigt. Für ihre Arbeit ist sie jetzt in den Kreis der 25 besten jungen deutschen Uni-Chirurgen aufgenommen worden und ist damit erst das zweite Mitglied dieses Gremiums aus Lübeck. Honselmann studierte und promovierte am UKSH und ist seit dem Jahr 2013 in der Klinik für Chirurgie tätig. Von 2015 bis 2018 forschte sie an der Harvard Medical School und am Massachusetts General Hospital in Boston in den USA.
Wie sind Sie in die Position gekommen, in der Sie heute sind?
Ich denke, ich habe sehr viel Glück gehabt mit den Menschen und Mentoren, die ich bisher treffen durfte. Dazu kommt, dass ich meinen Beruf wirklich gern mache und mir die Arbeit sehr viel Spaß macht.
Wann waren Sie zuletzt die einzige Frau in der Runde?
Noch nie. Das Klischee, dass es keine Frauen in der Medizin oder Chirurgie gibt, ist einfach nicht mehr aktuell. Ich habe viele ganz besonders tolle Kolleginnen, Oberärztinnen, Studentinnen und habe mich noch nie “allein” gefühlt. Ehrlicherweise müssten Sie diese Frage eher die männlichen Kollegen fragen, denn die sind wirklich bald allein in der Runde. An den Universitäten mag das noch ausgeglichener sein, aber an den peripheren Krankenhäusern sind schon jetzt viele chirurgische Kliniken zu 80% weiblich.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Frauen in der Wissenschaft und in der Medizin?
Prinzipiell stehen die Frauen wie die Männer vor den gleichen Herausforderungen, wenn es um Kinderbetreuung bei geschlossenen Schulen und Kindergärten geht. In der Wissenschaft ist es, denke ich, noch am besten zu vereinbaren, weil man auch viel von zu Hause machen kann. In der Medizin oder Chirurgie ist das natürlich nicht möglich, denn der Patient ist im Krankenhaus bzw. im OP. Dann muss es flexiblere Lösungen geben.
Gibt es Sprüche, die Sie nicht mehr hören können, weil sie voller Klischees sind?
Ja, diese typischen Karriere-und-Familie-Fragen. Warum ist es nicht genug, dass eine Frau gut in ihrem Beruf ist? Würden Sie einen Mann je fragen, ob er Familie hat, wenn Sie über seine berufliche Auszeichnung berichten? Es kann ja ganz unterschiedliche, sehr private Gründe dafür geben.
Was sollte getan werden, um Frauen in der Wissenschaft und in der Medizin präsenter zu machen?
Es gibt bereits sehr viele Fördermöglichkeiten für Frauen, wovon ich auch einige in Anspruch nehmen durfte. Das Wichtigste finde ich im Moment, dass der Wiedereinstieg nach dem Mutterschutz und der Kinderbetreuungszeit unterstützt wird. Denn hier “verlieren” wir die meisten Chirurginnen. Das ist sicherlich ein Problem, das viele Branchen betrifft, und vielleicht kann man auch branchenübergreifende Lösungen finden.
Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?
Macht was euch Freude bringt, dann geht viel von allein und sucht euch Mentoren, für alles, was ihr lernen möchtet.
Welche Frau ist Ihr Vorbild, Ihre Inspiration?
Frau Professor Cristina Ferrone, Massachusetts General Hospital, Boston, USA und Frau Dr. Claudia Witt, UKSH, Lübeck, Deutschland: Zwei Frauen, die Familie und Beruf und das Sich-selber sein in ganz wundervoller Weise vereinbaren. Ich bewundere beide sehr dafür.
Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Eine Leitungsfunktion in einer chirurgischen Abteilung anstreben und richtig gut im Segeln werden.
Bundestagswahl 2021

Nina Scheer: Sozialdemokratin, Violinistin, Alleinerziehende
Heike Stegemann (FDP) strebt zweistelliges Ergebnis bei der Bundestagswahl in Lübeck an
Wahlcheck mit Susanne Spethmann (Linke): „Massentierhaltung muss der Vergangenheit angehören“
Neues aus der Politik

Serpil Midyatli fehlt der breite Rückhalt für die SPD-Spitzenkandidatur zur Landtagswahl
Eutin: Verteidigungsministerin auf Truppenbesuch bei Aufklärern
Unser Blick in die Kultur

Corona, Impfpflicht, Grundrechte: Interview mit der Bestsellerautorin und Juristin Juli Zeh
Lübeck-Schattin: Filmfest Locarno zeigt Verfilmung von Alina Herbings Roman „Niemand ist bei den Kälbern“
Vor der Premiere: Mirja Biel inszeniert Heinrich Manns "Der Untertan" am Theater Lübeck
... und nun zum Sport!

Ostholsteinerin Lorenzen gewinnt Bundeschampionat der Geländeponys
Generalprobe für die EM in Italien: Emilia Zimermann ist Deutsche Meisterin
Lübeckerin mit Leistung beim Kitesurf World Cup zufrieden
Der Buch-Tipp

Aus aktuellem Anlass ein Buch-Tipp aus dem Jahr 2017: Nahid Shahalimi wurde in Afghanistan geboren, floh in den 1980er-Jahren mit ihrer Mutter und ihren Schwestern nach Kanada und lebt seit 2000 in München. Sie ist für dieses Buch nach Afghanistan gereist, hat Frauen und Mädchen getroffen und mit ihnen über ihre Träume, über Mut, Trauer, aber auch Lebensfreude gesprochen. Die Leserin erfährt von Skateboard fahrenden Mädchen; von Frauen, die im Krieg gekämpft haben oder sich politisch engagieren ohne Angst; aber sie hören auch von Frauen, die Opfer wurden und deren Familien erzählen. Inzwischen ist der Weg dieser Frauen gefährdet ist, aber während ihrer Recherche ist die Autorin vor einigen Jahren auf eine Welt der Hoffnung gestoßen, und sie erzählt authentische und beeindruckende Lebensgeschichten voller Stärke und Zuversicht.
Erschienen im Elisabeth-Sandmann-Verlag, 160 Seiten, 24,95 Euro
Twitter-Diskussion der Woche

Auf Twitter gibt es spätestens seit dem Wochenende kaum ein anderes Thema mehr als die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan. Die Bilder und Videos, die dort geteilt werden, zeigen eindrücklich, was Mädchen und Frauen im Land demnächst erwarten wird.
Malala
We watch in complete shock as Taliban takes control of Afghanistan. I am deeply worried about women, minorities and human rights advocates. Global, regional and local powers must call for an immediate ceasefire, provide urgent humanitarian aid and protect refugees and civilians.
Natalie Amiri
Mutige Frauen die sich in #Afghanistan für Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit eingesetzt haben fühlen sich verraten vom Westen. „Wo seid Ihr“, schreibt mir eine Bekannte aus #Kabul gerade. Sie hat sich Nahrungsmittel für 1 Monat gekauft und sich zuhause verbarrikadiert. https://t.co/zFxay5ID3L
Hintergründe zur Lage in Afghanistan
Frauenrechte in Afghanistan: „Ein radikaler Umschwung der Taliban ist eher unwahrscheinlich“
Einsatz 2006 in Kundus: So leisteten Eutiner Soldaten Entwicklungshilfe in Afghanistan
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Teilen Sie diesen Newsletter:
Wenn Sie diesen Newsletter nicht mehr empfangen wollen, können Sie ihn hier abbestellen.
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde, können Sie ihn hier abonnieren.