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Katja Lüdemann: "Schwul ist kein Schimpfwort"

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Montag ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie. Katja Lüdemann ist zweite Vorsitzende des Lübecker CSD-Vereins, der - außerhalb der Pandemie - mit Demonstrationen und Straßenfesten darauf aufmerksam macht, wie alltäglich Anfeindungen gegen queere Menschen auch 2021 immer noch sind. Im Interview spricht sie darüber, wie diese Diskriminierung im Alltag aussieht, warum “schwul” kein Schimpfwort ist und wie ihr Engagement im Verein ihr den Rücken stärkt.
Hoffnung macht dieser Tage die Impfkampagne, die in Deutschland immer weiter Fahrt aufnimmt: Allein am Mittwoch wurden 1,3 Millionen Menschen geimpft, so viele wie an keinem Tag zuvor. Bei Instagram und Twitter posten immer mehr Menschen voller Stolz Fotos von ihrem Oberarm mit einem kleinen Pflaster drauf - sie haben ihre Impfung, sie sind geschützt. Zu denen, die noch keinen Schutz gegen das Virus erhalten, gehören Schwangere: Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Impfung für diese Gruppe noch nicht, weil belastbare Daten fehlen würden. Frauenarztverbände weisen darauf hin, dass bei Schwangeren mit Corona-Infektion etwa sechsmal häufiger eine intensivmedizinische Betreuung und eine Beatmung mehr als 23-mal häufiger notwendig sei. Wie Frauen dieses Thema diskutieren und wie andere Länder das Thema “Corona-Impfung für Schwangere” handhaben, lesen Sie in der Twitter-Diskussion.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende
Ihre
Interview der Woche

Seit acht Jahren engagiert sich Katja Lüdemann im Lübecker CSD-Verein. Am 29. Juni 2002 zog der Verein erstmals zum Christopher Street Day durch die Altstadt. Zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie am Montag müssen Demonstrationen und Straßenfeste pandemiebedingt noch ausfallen - Pläne für diesen Sommer hat die Vize-Vorsitzende des Lübecker CSD-Vereins trotzdem.
Wie sind Sie in die Position gekommen, in der Sie heute sind?
2013 bin ich in den Lübecker CSD-Verein eingetreten, weil ich ein Zeichen setzen wollte: „Wer auch immer du bist, wie auch immer du liebst und lebst und fühlst, du kannst es mir sagen. Du musst dich und deine Identität bei und vor mir nicht verstecken“. In diesen zehn Jahren habe ich dann auch mich und meine eigene queere Identität entdeckt.
Von Anfang an war ich total in das Vereinsgeschehen involviert und brenne absolut leidenschaftlich für das, was wir tun: queere Identität sichtbar machen und in die Mitte der Gesellschaft rücken. Für mich ist die größte Motivation dabei, zu sehen, dass unser Engagement einen Unterschied macht. Dass wir dabei helfen, in Lübeck einen sicheren queeren Raum zu schaffen, in dem Menschen ihre ersten LGBTIQ*-Gehversuche machen und ihre Community finden. Mit dieser Leidenschaft und Motivation wurde ich dann auch ziemlich schnell in den Vereinsvorstand gewählt.
Welche Probleme sehen Sie heute immer noch für queere Menschen in der Gesellschaft?
Das kommt natürlich immer darauf an, in welcher Gesellschaft wir uns bewegen. In Deutschland werden wir zwar nicht mehr politisch verfolgt, so wie es noch in 69 Ländern der Fall ist, aber dennoch ist nicht alles rosig. Ich begegne immer wieder Menschen, die Dinge sagen wie: „Was wollt ihr eigentlich noch? Diskriminierung gibt es doch in Deutschland gar nicht mehr.“ Diese Personen reagieren häufig ungläubig, wenn ich erzähle, dass ein guter Freund von mir vor zwei Jahren in der Bahn angegriffen wurde, weil er auf die Frage „Bist du schwul oder so?“ mit „Ja“ geantwortet hat.
Auch dass viele queere Jugendliche entweder von ihren Eltern vor die Tür gesetzt werden oder ihre Identität verheimlichen müssen, weil es zu Hause an der nötigen Akzeptanz fehlt, scheint immer noch Menschen zu überraschen. Und dass ich als offen queere und stolze Frau (aus Angst vor Konfrontation oder etwaigen Handgreiflichkeiten) manchmal für den Bruchteil eines Moments überlege, die Hand meiner Verlobten loszulassen, können viele nicht-queere Menschen nicht nachvollziehen.
Diskriminierung ist natürlich nicht immer physisch, vieles spielt sich auch auf sprachlicher Ebene ab. Beispielsweise wird von vielen das Wort „Schwul“ als Schimpfwort verwendet. Manchen Menschen ist nicht bewusst was sie damit ausdrücken, was aber nichts daran ändert, dass das ganz klassische Alltagshomophobie ist. Diesen Menschen möchte ich sagen: Schwul ist KEIN Schimpfwort, denn schwul zu sein, ist nichts Negatives.
Gibt es Sprüche, die Sie nicht mehr hören können, weil sie voller Klischees sind?
Die Liste ist so lang, dass sie vermutlich den Rahmen sprengen würde. Aber die Spitzenreiter sind auf jeden Fall alle, die anfangen mit „Ich hab‘ ja nichts gegen Schwule (oder jede andere sexuelle oder geschlechtliche Identität), aber…“. Denn darauf folgt in 100% aller Fälle etwas Diskriminierendes oder Abwertendes.
Ganz klassisch und auch ich werde das sehr häufig gefragt „Wer ist denn der Mann bei euch in der Beziehung?“. Die Antwort ist hier sehr einfach: „Niemand. Das ist ja auch der Sinn an einer lesbischen Beziehung, dass es eben keinen Mann gibt“. Insbesondere Trans*-Personen leiden oft unter dem distanzlosen Verhalten anderer und müssen sich entsprechend neugierige und grenzüberschreitende Sprüche und Fragen gefallen lassen. Das klingt dann in etwa so: „Also sag mal, was hast du eigentlich in der Hose? Bist du jetzt ein Mann? Er, sie oder vielleicht es? Haha, Spaß! Ich find das ja soooo spannend, solche wie dich trifft man ja auch nicht immer. Sag mal, wie heißt du denn eigentlich wirklich? Denn Max ist ja eigentlich nicht dein echter Name, ne?“
Was sollte für die Belange der LBGTIQ-Community in Deutschland getan werden?
Meine Antwort ist selbstverständlich sehr von meiner eigenen Lebensrealität geprägt und zeigt auf, was ich persönlich erlebe und fühle. Natürlich haben wir als queere Menschen in Deutschland ein sehr viel sichereres Leben als in vielen anderen Ländern dieser Welt und dennoch gibt es Entwicklungspotenziale und die Gleichstellung ist noch lange nicht abgeschlossen.
Insbesondere in Bezug auf die Rechte von sogenannten Regenbogenfamilien gibt es noch viel zu tun, beispielsweise unter diesem Aspekt: Bei heterosexuellen, verheirateten Paaren verhält es sich so, dass der Ehemann automatisch, rechtlich gesehen, der Vater des Kindes ist, sobald die Ehefrau eines zur Welt bringt. Wird bei verheirateten lesbischen Paaren ein Kind in die Ehe hineingeboren, so muss die Partnerin dieses Kind zunächst über eine Stiefkindadoption adoptieren. Das kann Monate oder Jahre dauern. Wenn währenddessen der leiblichen Mutter etwas zustößt, hat die Partnerin keinerlei Rechte in Bezug auf das Kind.
Dieses kommt dann in vielen Fällen zu den nächsten Verwandten der leiblichen Mutter oder zu einer Pflegefamilie. An solchen und vielen weiteren Beispielen zeigt sich deutlich, dass es noch viel zu tun gibt in Sachen Gleichstellung.
Was würden Sie jungen Frauen und jungen queeren Menschen mit auf den Weg geben?
Gib dir Zeit und nimm dir Zeit, um herauszufinden wer du bist, wer du sein möchtest und wofür du brennst. Und wenn du dabei deine Meinung änderst, dann erfinde dich neu. Du wirst viele wertvolle Erfahrungen machen, viele Menschen kennenlernen und je weniger du dich verstellst, desto echter und realer werden deine zwischenmenschlichen Beziehungen sein. Manchmal dauert es ein bisschen, bis man „seine Leute“ gefunden hat, aber der Weg lohnt sich. Setz dich für die Dinge und Menschen ein, die dir wichtig sind und sage deine Meinung. Hab keine Angst zu sein, wer du bist.
Welche Person ist Ihr Vorbild, Ihre Inspiration?
Ich finde es wahnsinnig bewundernswert, wenn Menschen zu sich stehen und sich für ihre Überzeugungen einsetzen, um die Welt ein bisschen besser zu gestalten. Dabei hat jede:r von uns auf eine ganz eigene und persönliche Weise etwas Inspirierendes an sich, das sich wahrzunehmen lohnt. In Bezug auf queeres Leben und queere Sichtbarkeit bin ich dankbar für all die LGBTIQ*-Menschen, die vor mir gelebt, geliebt und gekämpft haben und es mir damit ermöglichen, jetzt so offen damit umzugehen, dass ich selbst zu ihnen gehöre bin.
Ein persönliches Vorbild zu nennen, finde ich immer schwierig, weil man von so vielen Menschen, an so unterschiedlichen Punkten im Leben, so viel lernen kann. Aber ich denke, den größten Einfluss darauf, wer ich bin und wer ich sein möchte, hatte definitiv meine Familie.
Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Meine ganz persönlichen Pläne sehen zunächst so aus, dass ich diesen Sommer heiraten werde. Aufgrund der aktuellen Lage werden es wohl nur meine Verlobte, die Standesbeamtin und ich sein, aber verheiratet ist verheiratet. Und seit 2017 ja auch wirklich verheiratet und nicht verpartnert. Außerdem hoffe ich selbstverständlich, dass auch das queere Leben bald wieder wie gewohnt stattfinden kann. So wie beispielsweise unsere offenen Vereins-Spieleabende, unser Queer-Cinema und natürlich der jährliche CSD mit Straßenfest und Demonstration.
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Der Buch-Tipp

Essen hat die besondere Kraft, Menschen zu verbinden, zu nähren und zu beflügeln. Dieses Kochbuch ist ein Tribut an all die Köche der Queer-Community. 75 Rezeptideen von LGBTQ+-Köchen sprühen vor Kreativität und bieten spannende Geschmackskombinationen. Die inspirierenden Geschichten rund um diese Gerichte zeugen von Liebe, Stolz und Akzeptanz: die Pasta Puttanesca einer Köchin, die das Herz einer Angebeteten erobert, das Blumenkohlsandwich, das Trost spendet, als Mutter und Tochter sich voreinander outen, oder die Mousse-au-Chocolat-Torte, die während der Präsidentschaft von Barack Obama im Weißen Haus serviert wurde – der erste amerikanische Präsident, der sich für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprach.
Erschienen im südwest-Verlag, 224 Seiten, 20 Euro
Die Twitter-Diskussion der Woche

Bis Donnerstag wurden in Deutschland 35,9 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft. Für Schwangere empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Impfung bislang nicht generell, sondern nur, wenn zum Beispiel Vorerkrankungen das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 steigern. Frauenarztverbände fordern währenddessen, Schwangere prioritär zu impfen, weil auch mit einer Schwangerschaft auch das Risiko, schwer zu erkranken, steige. Auf Twitter macht sich Frust über die ausbleibende Empfehlung breit.
Eva Ich bin sehr müde Horn
Finde es schade, dass die Stiko schnell entscheiden kann, Impfstoffe nur für Ältere zu empfehlen, nicht aber, Schwangere in Prio 1 zu heben.
teresa bücker
Ich wiederhole mich, aber: Stillende und Schwangere werden in anderen Ländern sogar mit Empfehlung geimpft.

Deutschland hinkt in Sachen #Frauengesundheit mal wieder arg hinterher, weil die Gesundheitspolitik Frauen bevormundet, wo sie kann. Siehe #218 und #219a. https://t.co/QeQcqGtEtt
Elisabeth W. Apicella
@teresabuecker … und sowas ist dann natürlich genau das, was man als Schwangere/Stillende lesen möchte: „Wer sich nicht impfen lasse, werde sich jedoch früher oder später mit dem Coronavirus infizieren.“ Bin wütend, dass wir so unnötig gefährdet werden, fühle mich hilflos und ausgeliefert. https://t.co/ZOPAtLs6TM
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