Ohrfeigen-Oscars und ehrenvolles Engagement

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
besonders in Krisenzeiten wie diesen halten Menschen die Gesellschaft zusammen, die nicht fragen, was sie als Gegenleistung für ihre Hilfe bekommen. Die in diesen Tagen unermüdlich Kisten mit Medikamenten und Hygieneartikeln packen, die dann mit einem der vielen Hilfstransporte an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren werden. Die nicht zuerst wissen möchten, wie lange die Mutter und ihr Kind, die gerade vor dem Krieg geflohen sind, zu bleiben gedenken, bevor sie ihnen ihr Gästezimmer anbieten. Sie stehen in dieser “Newsletterin”-Ausgabe im Mittelpunkt.
Melanie Wienicke von der Lübecker Freiwilligenagentur ePunkt gehört zu diesen Menschen: Seit Wochen koordiniert sie dort die verschiedenen Hilfsangebote und ist dicht dran an den Schicksalen der Geflüchteten, an den Ängsten und Traumata, die sie in sich tragen. Welche Herausforderungen es bei ihrer Versorgung und Unterbringung gibt, erzählt sie im Interview. Aber sie hat auch gute Nachrichten: “Alle Menschen, die nach Lübeck kommen, bekommen ein Bett und ein Dach über dem Kopf.”
Während die eine globale Krise noch in vollem Gange ist, wird für die andere langsam aber sicher die Endphase eingeläutet: Überall werden Corona-Regeln gelockert, und so fand auch die Oscar-Verleihung wieder unter einigermaßen normalen Bedingungen statt. Normal war die Show trotzdem nicht - ich kann mich jedenfalls an überhaupt keine einzige Preisverleihung erinnern, bei der vor laufenden Kameras Ohrfeigen verteilt worden wären. Will Smith hat dem Comedian Chris Rock für einen - tatsächlich sehr unangebrachten und niveaulosen - Witz über seine Frau Jada eine reingehauen. Paartherapeut Christian Hemschemeier erklärt, warum Gewalt besonders unter dem Deckmantel der Liebe niemals gerechtfertigt ist.
Ich wünsche Ihnen ein friedliches Wochenende!
Interview der Woche

Die Solidarität mit den Menschen, die vor Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine geflohen sind, ist riesig. Ob jemand sein Gästezimmer zur Verfügung stellt, Hygieneartikel spendet oder Ukrainisch/Russisch - Deutsch dolmetschen kann: In allen Bereichen wird geholfen. Der Lübecker ePunkt ist die Zentrale, an der ehrenamtliche Hilfe in Lübeck koordiniert wird - Projektkoordinatorin Melanie Wienicke ist maßgeblich in die Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine eingebunden.
Wie sind Sie zum ePunkt gekommen, wie lange sind Sie dort schon tätig?
Ich bin seit fünf Jahren als Projektkoordinatorin bei ePunkt. Eigentlich komme ich aus einem völlig anderen Bereich, ich habe Betriebswirtschaft studiert und viele Jahre Öffentlichkeitsarbeit für große Kulturinstitutionen in Hamburg gemacht. Nachdem ich drei Kinder bekommen hatte, habe ich in Lübeck verschiedene Dinge ausprobiert. Zuletzt war ich in einer Werbeagentur. Als die vielen Schutzsuchenden 2015/2016 nach Lübeck kamen, suchte ePunkt eine Mitarbeiterin für die Unterstützung der Ehrenamtlichen, die sich für Geflüchtete engagieren. Die Aufgabe war spannend und herausfordernd, ich habe mich beworben und seitdem bin ich hier. Mittlerweile bin ich verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, für unsere Veranstaltungen und Patenschaften, ein sehr abwechslungsreiches Arbeitsgebiet.
Wie waren die Abläufe, als klar wurde, dass sehr viele Flüchtende nach Deutschland kommen werden und ehrenamtliches Engagement benötigt wird? Es mussten ja sicherlich sehr schnell Absprachen und Entscheidungen getroffen werden.
Klar, das ging alles rasend schnell. Wobei wir natürlich einen kleinen zeitlichen Vorsprung gegenüber zum Beispiel Berlin oder Hamburg hatten – dort kamen die Menschen ja sofort zu Tausenden an. In Lübeck konnten wir so die Zeit nutzen, alles gut vorzubereiten. Wir sind ein sehr eingespieltes Team, und es ist ja leider nicht unsere erste Krise, in der wir aktiv werden mussten. In diesem Fall konnten wir auf unser zuverlässiges Netzwerk aus vielen Jahren der Zusammenarbeit zurückgreifen und auf das, was wir während der Corona-Nachbarschaftshilfe vor zwei Jahren gelernt haben. Wir waren sofort eng in Kontakt mit unseren Kollegen bei der Stadt und haben die Aufgaben sinnvoll untereinander aufgeteilt, um Doppelstrukturen zu vermeiden. Sowas entsteht ja leicht, wenn alle alles schnell machen müssen. Es wurden Steuerungsgruppen und Austauschtreffen organisiert, damit die Informationen zwischen den Akteuren bestmöglich fließen. Parallel haben wir unsere Internetseite programmiert, auf der sich einerseits Menschen, die helfen wollen, registrieren und wir sie andererseits mit aktuellen Informationen versorgen können. Seitdem vermitteln wir Ehrenamtliche an akute Einsatzstellen und verschicken regelmäßig Informationen an Engagierte und Organisationen. Es ist eine sehr turbulente Zeit, die auch emotional natürlich sehr herausfordernd ist. Aber es ist ein gutes Gefühl, Strukturen zu schaffen und Hilfe koordinieren zu können.
Der Kriegsbeginn ist jetzt einen Monat her. Was brauchen die Flüchtenden, die in Deutschland ankommen? Was sind die Herausforderungen bei der Unterbringung und Versorgung?
Alle Menschen, die nach Lübeck kommen, bekommen ein Bett und ein Dach über dem Kopf. In den Unterkünften werden alle mit allem versorgt, was gebraucht wird. Lübeck ist gut vorbereitet und die Hilfsbereitschaft ist enorm. Sehr viele Menschen haben Kinderzimmer freigeräumt oder das Gästezimmer in der Wohnung für die Menschen aus der Ukraine bereitgestellt. Sollte der Krieg anhalten und die Menschen längerfristig bleiben müssen, ist das sicher keine Dauerlösung. Da sehen wir bei dem aktuellen Wohnungsmarkt große Herausforderungen auf uns zukommen. Und die psychosoziale Versorgung ist auch noch nicht optimal, das Angebot ist noch nicht ausreichend und es fehlt an Dolmetschern. Aber das haben die entscheidenden Stellen im Blick und es wird mit Hochdruck daran gearbeitet.
Es flüchten derzeit vor allem Kinder und Frauen. Gibt es Dinge, die die Fluchterfahrung von Frauen und Kindern speziell ausmachen?
Das ist eine ganz besonders schutzbedürftige Gruppe. Viele Frauen kommen mit kleinen Kindern oder sogar Babys. Sie leben in großer Angst, ihre Männer und Väter zu verlieren. Und sie hatten bis vor ein paar Wochen ein vollkommen normales Leben, sind ihrer Arbeit nachgegangen und haben Ausflüge gemacht. Der Schock sitzt tief.
Gibt es eine Geschichte oder ein Schicksal, das Ihnen aus den vergangenen Wochen besonders in Erinnerung geblieben ist? 
Jeden Tag gibt es Geschichten, die wir in Telefonaten mit Engagierten hören oder die uns hilfesuchende Angehörige erzählen. Hinter jeder steckt ein Schicksal, da möchte ich nicht ein bestimmtes benennen.
Was sind Ihre Pläne und Wünsche für die kommenden Wochen?
Ich wünsche den Menschen sehr, dass sie wieder zurück in ihre Heimat und dort in Frieden leben können. Und dann kommt auf meiner Wunschliste lange nichts. 
Aber sollte der Krieg andauern, werden sich die Bedürfnisse der Geflüchteten ändern. Sie werden dann zu neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Lübeck, die wir in unserer Mitte integrieren werden. Hier gibt es auch schon Pläne und Strukturen, auf die wir zurückgreifen können. Auch dafür sind wir gut vorbereitet. 
Sollte mein Wunsch aber in Erfüllung gehen, gibt es jede Menge anderer Pläne für dieses Jahr, die wir gerne umsetzen würden. 
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Mary Wollstonecraft, Simone de Beauvoir, Judith Butler: Diese Ikonen des Feminismus sind in aller Munde. Aber was ist mit Funmilayo Ransome-Kuti, Alexandra Kollontai oder Rokeya Sakhawat Hossain? In ihrer 250 Jahre und fünf Kontinente umspannenden Geschichte macht Lucy Delap deutlich, dass der Feminismus keine westliche Erfindung ist: Kurzweilig und inspirierend zeigt sie auf, dass konkrete historische Ereignisse rund um den Globus seine mosaikartige Entwicklung vorangetrieben haben und diese nicht losgelöst von Hautfarbe, Klasse und Sexualität gedacht werden kann. Freiheits- und Klassenkampf, neue Formen des Zusammenlebens sind beeinflusst von feministischem Denken und umgekehrt.
Ein neuer, postkolonialer Blick auf eine weltweite Bewegung, der in seinem Bezug zur Vergangenheit die Debatten der Gegenwart bereichert und öffnet.
Erschienen bei Blessing, 448 Seiten, 22 Euro
Die Twitter-Diskussion der Woche

Ist es männlich, Gewalt zu unterstützen? Ist es unmännlich, Dinge wie steigende Militärausgaben nicht zu befürworten? Diese Frage wird auf Twitter seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine immer häufiger diskutiert - mit dem Fazit, dass es nicht gut wäre, wenn veraltete Männlichkeitsbilder in dieser Krisenzeit wieder gestärkt würden.
Mareile
Schlimm dieser Moralapostel Selenskyj, der sich um so unwesentliche Dinge wie die Freiheit von LGBTIQ einsetzt. Der würde in einem Krieg aufgrund seiner verweichlichten Männlichkeit sicher jämmerlich versagen https://t.co/SOogNx1Fjs
Natascha Strobl
Die Erzählung vom verweichlichten, unmännlichen Westen, der jetzt dringend aufrüsten muss und am besten alle Budgets in Militärbudgets umlenken muss ist gefährlich und hat viele historische Anknüpfungspunkte. Don‘t go there.
dieJanki
Fände auch gut, wenn Krieg & Sterben im Krieg nicht verherrlicht würden & man nicht Helden ausriefe, die sterben mussten.
Menschen leisten im Krieg Unfassbares, aber nichts an Krieg ist heroisch, gezwungen zu werden zu kämpfen, sich zu verteidigen ist furchtbar, nicht männlich. https://t.co/bzpn82oJQz
Zum Schluss: Meine Lese-Empfehlung

Vom Schwarzwald nach Scharbeutz: Junge Frau reitet an die Ostsee
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