Profil anzeigen

Pastorin Vanessa Poepping: "Brauchen einen Glauben in Bewegung"

LN – Die NewsletterinLN – Die Newsletterin
LN – Die Newsletterin

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
die Corona-Infektionszahlen sinken, ein Restaurantbesuch oder ein Kurzurlaub an der Küste sind - unter bestimmten Voraussetzungen - wieder möglich. Mich erinnert diese neue Leichtigkeit ein bisschen an die Zeit nach den Abiturprüfungen. Der tägliche Stress wurde weniger, Zukunftsängste haben sich zumindest für den Moment verflüchtigt. Der Abitur-Jahrgang 2021 dürfte diese Erleichterung noch einmal stärker spüren: Sich auf solche wichtigen Prüfungen während einer Pandemie vorzubereiten, hat ihnen wohl alles abverlangt. Meine Kollegin Cosima Künzel hat mit der Lübecker Abiturientin Kaja Reutershan darüber gesprochen, wie sie diese Zeit erlebt hat und wie sie jetzt in die Zukunft blickt.
Ein großer Teil ihrer Mitstreiterinnen wird nach dem Schulabschluss im Herbst ein Studium beginnen. Dass eine Karriere in der Wissenschaft nicht immer Ruhm und schon gar nicht finanziellen Erfolg verspricht, sondern gerade für Frauen oft prekäre Arbeitsbedingungen mit sich bringt, zeigt die Twitter-Diskussion der Woche unter dem Hashtag #IchBinHanna. Eine Zusammenfassung der Debatte gibt es weiter unten im Newsletter. Dazu passend: Der Buch-Tipp, bei dem es darum geht, warum Frauen bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten konsequent außen vor gelassen werden und welche Folgen das hat.
Auch in der Kirche hatten Frauen lange wenig mitzureden. Pastorinnen wie Vanessa Poepping aus der Bodelschwingh-Gemeinde in Lübeck arbeiten daran, dass sich das ändert. Welchen Herausforderungen sie dabei begegnet und warum es lohnt, sich immer wieder auf die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen aufmerksam zu machen, verrät sie im Interview.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen,
Ihre
Interview der Woche

Vanessa Poepping - Was Frauen in der Kirche bewegen
Vanessa Poepping ist seit diesem Jahr Pastorin in der Bodelschwingh-Gemeinde in Lübeck. Die 33-Jährige hat gerade ihren dreijährigen Probedienst in der Nordkirche beendet. Im Interview spricht sie über das Engagement von Frauen in der evangelischen Kirche und warum eigentlich nie einer ihrer Kollegen gefragt wurde, wie er Kind und Vollzeitjob vereinbaren möchte.
Wie sind Sie in die Position gekommen, in der Sie heute sind?
Ich habe über das Lehramtsstudium mit den Fächern Französisch und Religion zu dem Studium der „Volltheologie“ gefunden. Ich war von der Vielfalt und Tiefe des Studiengangs fasziniert. Eines Tages rief ich meine Eltern an und sagte: „Wisst ihr was?! Ich wechsle mein Studienfach: Ich werd’ jetzt Pastorin.“ Und so war es. Das Studium war unsagbar interessant und herausfordernd. Oft habe ich mich gefragt, ob ich überhaupt richtig bin, genug bin. Das waren ambivalente Gefühle. Das erste Examen war eine Phase voller Bauchweh. Mein Vikariat war eine intensive und gute Zeit und festigte meine Entscheidung. Ich will Pastorin werden. Und ja, ich bin richtig, so wie ich bin. Die Ordination in Hamburg-Altona war ein unbeschreibliches Gefühl. Damals war ich 29 Jahre und der Weg auf meine erste Pfarrstelle folgte. Seit diesem Jahr bin ich nun nach meinem dreijährigen Probedienst in der Nordkirche auf die erste Pfarrstelle der Bodelschwingh-Gemeinde offiziell gewählt worden. Bald bin ich Pastorin der Fusionsgemeinde Laurentius.
Wann waren Sie zuletzt die einzige Frau in der Runde?
Im Heizungskeller unserer Gemeinde. Häufig dann, wenn es um bauliche Herausforderungen in unserer Gemeinde geht.
Welche Herausforderungen sehen Sie heute noch für Frauen auf dem Weg zu einer verantwortungsvollen Position in der Kirche?
Ich habe häufig beobachtet, dass Frauen sich stärker beweisen müssen. Es wird viel hinterfragt und Gefühle stärker kommentiert. Mich kostet es häufig auch Kraft und Mut, meine Meinung sehr deutlich zu machen. Doch es lohnt sich immer wieder, auf die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen aufmerksam zu machen. Ich habe tatsächlich bei keinem Kollegen gehört, dass derjenige gefragt wurde, wie Kind und Vollzeitjob vereinbart werden können. Ich dafür umso häufiger.
Gibt es Sprüche, die Sie nicht mehr hören können, weil sie voller Klischees sind?
“Du siehst ja gar nicht aus wie eine Pastorin?” - “Sind Sie denn demnächst wieder im Mutterschutz?” - “Also, das kannst du in deinem Alter noch nicht beurteilen.“
Was sollte getan werden, damit Frauen in der Kirche präsenter sind?
Ich denke, dass das Engagement von Frauen in der Kirche häufig nicht genügend differenziert betrachtet wird. Es gibt viele Frauen, die besonders das gemeindliche Leben mit gestalten und Gemeinschaft prägen. Viele der Strukturen sind dennoch patriarchalisch. Ich bin dankbar, dass ich Pastorin in der evangelischen Kirche sein kann. Gleichzeitig ist es für mich befremdlich, dass ich dafür dankbar sein muss. Nur, weil ich eine Frau bin. In den Leitungspositionen soll weiterhin auch an Teilzeitmodellen gearbeitet werden. Familie oder Führungspositionen dürfen nicht gegeneinander gestellt werden. Und vor allem bete ich für jede Frau, die sich berufen fühlt, in den kirchlichen Dienst zu gehen.
Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?
Sei dir deines eigenen Wertes zu jeder Zeit bewusst! Du bist so viel mehr, als andere von dir sehen oder meinen, über dich zu urteilen. Du kannst aus der Reihe tanzen, wenn du deinen eigenen Takt kennst. Unsere Gesellschaft braucht dich.
Welche Frau ist Ihr Vorbild, Ihre Inspiration?
Direkte Vorbilder hatte ich tatsächlich nie. Aber den Begriff der Inspiration finde ich großartig. Theologisch: Dorothee Sölle. Ihre Gedanken, ihre Leidenschaft und dieser bedingungslose Mut, für ihren Glauben einzustehen. Online: Die Texte und Gedankengänge von Teresa Bücker (fraeulein_tessa) inspirieren mich. Ich finde mich darin oft wieder und sie regen mich an, meine Haltung stetig zu reflektieren.
Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass ich immer neue Kraft und neuen Mut finde, meinen Weg zu gehen. Ich möchte auch Zeit finden, mich zu reflektieren. Damit ich mit anderen und für andere Glaube spürbar machen kann. Dabei kann ich mir gut vorstellen, die Bandbreite der Arbeitsbereiche in der evangelischen Kirche zu erkunden. Wir brauchen einen Glauben in Bewegung, damit wir uns immer wieder kritisch hinterfragen und Veränderung möglich machen können. 
Geschichten aus der Region

Abi in der Corona-Pandemie: Abiturientin der Baltic-Schule Lübeck erzählt
Eutin: Wie eine Schwerstbehinderte beinahe ihren Wohnheimplatz verlor
Nordkirche: ​Bischöfin Kirsten Fehrs wiedergewählt – „Diplomatin im Talar“
Nachrichten aus der Politik

„Das war Mist“: Baerbock entschuldigt sich für Ungenauigkeiten im Lebenslauf
Debatte um die Studienleistungen von Annalena Baerbock – das sind die Fakten
Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Prien: Gendern in der Schule ist falsch
Streit ums Gendern in SH: Schülerschaft kontert Ministerin Prien
Unser Blick in die Kultur

Nora Bossong im Theater Lübeck mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet
Isabella Rossellini als Puffmutter im alten Rom: „Ich habe die Figur gleich geliebt!“
Bratsche: Erstes Album von Lena Eckels - Über eine Männerfreundschaft
...und nun zum Sport!

Eutinerin Noelani Sach ist Deutsche SUP-Meisterin
Lübeckerin Emilia Zimermann tanzt in Triest aufs Podium
Lübeckerin Lucy Steinmeyer zu den Leichtathletik-Finals aus den USA eingeflogen
Hanna Winter und Judith Guhse bei Ratzeburger Ruderregatta vorn dabei
Mein Buch-Tipp

Unsere Welt ist von Männern für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren. Caroline Criado-Perez erklärt, wie dieses System funktioniert. Sie legt die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten offen. Die so entstandene Wissenslücke liegt der kontinuierlichen und systematischen Diskriminierung von Frauen zugrunde und erzeugt eine unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das Leben von Frauen auswirkt. Kraftvoll und provokant plädiert Criado-Perez für einen Wandel dieses Systems und lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen.
Erschienen im btb Verlag, 496 Seiten, 15 Euro
Twitter-Diskussion der Woche

Auf Twitter machte in der vergangenen Woche ein Video des Bundesforschungsministeriums die Runde, in dem erklärt wird, warum Zeitverträge für Forschende an Universitäten und Hochschulen die Innovation in der Wissenschaft fördern sollen. Unter dem Hashtag #IchBinHanna - so der Name der Protagonistin dieses Videos - teilen Nutzerinnen ihre Erfahrungen mit den teils ausgesprochen prekären Arbeitsbedingungen in der Forschung - gerade dann, wenn man Wissenschaftlerin und Mutter ist.
Barbara Korte
Ich bin Barbara, Germanistin, Postdoc, seit 12 Jahren befristet auf der gleichen (halben) Stelle. Leite das Theater an meiner Uni (eigtl Vollzeitjob), für eigene Forschung keine Zeit. Überarbeitet & müde. Alleinerziehende Mutter. Aktueller Vertrag = wohl der letzte. #IchBinHanna
Eva Marlene Hausteiner
So: Eva, 37, Politiktheoretikerin. Ich liebe Forschung & Lehre. Bald durchhabilitiert, „meine 12 Jahre“ enden bald, Profvertretung wird nicht angerechnet. Habe „gut geplant“, viel Unterstützung, top Kolleg*innen, trotzdem wird die Luft dünn & ich bin recht müde. #IchBinHanna
Julia Lukassek
Ich bin Julia, 35, Linguistin. Ich forsche zu Lerner:innensprache, Narration, Modifikation, Ambiguität. Ich bin zweifache Mutter und versuche, im Wissenschaftsbetrieb trotz Widerständen so etwas wie Work-Life-Balance hinzubekommen. Wer seid Ihr? #IchBinHanna
Johanna Wenckebach
Ich bin Johanna, Juristin, und habe mit 33 nach meiner summa cum laude-Promotion, Forschungsarbeit u 2 Staatsexamina die zugesagte, befristete Habil-Stelle nicht angetreten, weil mir e unbefristete Stelle in der Wirtschaft angeboten wurde u ich Familienernährerin bin.#IchBinHanna
Zum Schluss: Herzlichen Glückwunsch!

Lübeck: 100. Geburtstag von Erika Meier im Oldtimerbus
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Teilen Sie diesen Newsletter:
Wenn Sie diesen Newsletter nicht mehr empfangen wollen, können Sie ihn hier abbestellen.
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde, können Sie ihn hier abonnieren.