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Regenbogenfarben überall

LN – Die NewsletterinLN – Die Newsletterin
LN – Die Newsletterin

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
die Geschichte von Filiz Hussein hat mich tief bewegt: Die Somalierin ist 2016 nach Deutschland geflüchtet - minderjährig, ohne Begleitung ihrer Familie. Jetzt ist die junge Frau 17 Jahre alt und möchte ihre Mutter und ihre beiden Geschwister nach Lübeck holen. Doch in sieben Monaten wird sie volljährig, und dann wird es auch mit der Familienzusammenführung deutlich komplizierter. Mein Kollege Kai Dordowsky hat mit der jungen Frau darüber gesprochen, wie sie sich ihr Leben hier in Lübeck aufgebaut hat und welche Hürden jetzt noch vor ihr und ihrer Familie liegen, bis sie sich wiedersehen dürfen.
Ich hätte fast verdrängt, dass die Fußball-Europameisterschaft der Herren in diesem Jahr inmitten einer Pandemie tatsächlich findet. Der europäische Fußballverband UEFA wird zwar nicht müde zu betonen, dass er selbst als Organisation und der Sport an sich unpolitisch seien. Das Vorrundenspiel Deutschland gegen Ungarn sorgte aber doch für hitzige politische Diskussionen: Der DFB wollte die Allianz-Arena als Zeichen für Toleranz und gegen Homophobie in Regenbogenfarben anstrahlen, die UEFA lehnte den Antrag ab: Weil sie “aufgrund ihrer Statuten eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieser speziellen Anfrage - eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen Parlaments abzielt - muss die UEFA diese Anfrage ablehnen”, teilte der Dachverband mit. Mir ist unbegreiflich, wie man vor einem Regenbogen so viel Angst haben kann. Umso ergriffener war ich, als es in den sozialen Medien daraufhin erst richtig bunt wurde - die besten Tweets zum Thema gibt es weiter unten im Newsletter. Auch die Titelseite der Lübecker Nachrichten war am Donnerstag noch farbenfroher als sonst. Ich hoffe, dass von dieser breiten Solidarität für queere Menschen auch nach der EM etwas übrigbleibt und es für Fußballerinnen und Fußballer einfacher wird, sich zu outen.
Interview der Woche

Stephanie Faisal und Franziska Raabe (Quelle: hfr)
Stephanie Faisal und Franziska Raabe (Quelle: hfr)
“Wie geht mein Weg nach der Schule weiter?” Diese Frage stellen sich gerade viele junge Menschen. Stephanie Faisal und Franziska Raabe aus Lübeck möchten ihnen dabei helfen, mit ihrer Plattform Key2be.me eine Antwort darauf zu finden. Im Interview sprechen sie darüber, was sie antreibt und wie sie als Gründerinnen die lange sehr männlich dominierte Start-Up-Welt erleben.
Wie sind Sie in die Position gekommen, in der Sie heute sind?
Stephanie Faisal: Mir ist der Bedarf an dem Übergang Schule Beruf sehr präsent, seit ich selbst aus der Schule gegangen bin. Das Thema hat mich immer wieder gepackt auf meinem Lebensweg. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, um meine ganze Energie für eine bildungsgerechte Lösung einzubringen.
Franziska Raabe: Mich selbst hat die Berufswahl sehr beschäftigt. Als ich während meiner Ausbildung die 5 Ausbildungsberufe meines Arbeitgebers an einer Schule vorstellen durfte, habe ich gemerkt, dass das sehr vielen so geht. Mich hat es sehr gestört, wie fremdgesteuert Berufsorientierung angelegt ist. Erst 8 Jahre später, im Masterstudium, fand ich passende Werkzeuge und erlebte wie mehr Individualisierung gelingen kann. Dann kommen die richtigen Menschen und Ideen zusammen und es kann voller Energie losgehen.  
Wann waren Sie zuletzt die einzige Frau in der Runde?
SF: Das passiert teilweise in eher technisch ausgelagerten Runden. Aktuell kommt es selten bei mir vor und es ist für mich unbedeutend. Ich erinnere mich, dass in meiner Ausbildungszeit im Rettungsdienst überwiegend Männer aktiv waren und da war das Geschlechter Thema öfter sichtbar, natürlich auch durch die körperliche Arbeit. Es ist allerdings alles eine Frage des Trainings und der Persönlichkeit. Alle Geschlechter können gleichermaßen Berufe ausüben und erfolgreich sein.
FR: Ich habe nur Brüder und bin es seitjeher gewohnt, in einer Runde auch mal die einzige Frau zu sein. Auch im Vorstand der Gesellschaft für Wissensmanagement bin ich die einzige Frau. Stören tut mich das nicht. Im bisherigen Berufs- und heutigen Start-UP Leben sind wir oft gemischte Teams, beides hat seinen Charme. Wichtig ist nur, dass die richtigen Menschen zusammenkommen; Menschen mit Energie und Interesse am Thema.
Welche Herausforderungen sehen Sie heute noch für Frauen in der Start-Up-Welt?
SF: Es wird häufiger mal gesagt: „Schön, ein Gründerinnen Team. Das ist ja statistisch seltener.“ Ansonsten machen Menschen Fehler und liefern tolle Ergebnisse – unabhängig vom Geschlecht.
FR: Die Frage finde ich interessant. Da ich nicht weiß, wie es früher als Frau in der Start-Up-Welt war, kann ich sie nicht gut beantworten. Heute geht es mir gut. Ich fühle mich durch den wohlwollenden und fordernden Austausch in dieser Welt unterstützt und wertgeschätzt.
Gibt es Sprüche, die Sie nicht mehr hören können, weil sie voller Klischees sind?
SF: Nein. Keine Klischees gehört. Vielleicht liegt das an meinem Auftreten oder ich habe dafür einfach kein Ohr?
FR: Auf dem Ohr scheine auch ich taub zu sein.   
Was sollte getan werden, damit Frauen in der Wirtschaft präsenter sind?
SF: Frauen stärken Frauen hilft. Ich bin Fan von Mentoring. Rollenvorbilder sichtbar und ansprechbar machen, ist ein starker Anker und Orientierungspunkt für viele und kann enormes bewegen. Ansonsten bin ich dafür, alle Menschen zu befähigen in einer starken Wir-Gemeinschaft zu leben, ihre Potenziale zu spüren und sie in die Gesellschaft einzubringen.
FR: Ich bin der Meinung, dass wir Anzeichen für Selbstvertrauen bei jungen Mädchen positiv bestärken sollten. Du hast eine Idee? Tu es! Erlebe deine Stärken und lerne etwas Neues über dich und über ein Thema. Diesen Fokus sehe ich allerdings geschlechterneutral und halte ihn eher für einen Schlüssel, der von Anfang an bewusst gemacht werden muss, damit wir ihn im Laufe des Lebens im richtigen Moment einsetzten können.
Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben?  
SF: Mach Dein Ding. Hör auf Deine innere Stimme, Deine Wünsche und Bedürfnisse und achte die Menschen um Dich herum. Dein Wert als Mensch ist unabhängig von Noten oder einzelnen Meinungen. Du brauchst nicht allen gefallen. Aber gemeinsam geht mehr. Am Ende sind es starke Beziehungen, die das Leben lebenswert machen und in harten Zeiten belastbar sind.
FR: Sei selbstbewusst und trau dich. Es hilft daran zu denken, dass wir alle nur mit Wasser kochen. Lege einfach los und gehe einen Schritt nach dem anderen. Gehe auf neue Menschen und Möglichkeiten zu, mach mit bei Aktionen und probiere viel aus. Rückmeldungen beispielsweise zu deinen Stärken erhältst du wenn du Fragst. Unsicherheit gehört dazu. Finde heraus, welche Fragen du wirklich hast und stelle sie, das ist für mich der Schlüssel. Genieße die Ruhe in Gesprächen und nutzte die Zeit, um aktiv zuzuhören was nicht gesagt wird.
Welche Frau ist Ihr Vorbild, Ihre Inspiration?
SF: Meine Inspiration ist Frau M. Sie ist sehr mutig und selbstbewusst, geht ganz selbstverständlich offensiv auf alle Menschen zu. Auf den Bettler, die Verkäuferin, den Opa und die Geschäftsfrau. Gleichzeitig ist sie sehr empathisch, neugierig, sozial und kontaktstark. Sie hat den Blick auf das Wesentliche im Leben und kann ihre Bedürfnisse klar kommunizieren. Sie kann in vollen Zügen genießen, geduldig sein und achtet auf das Wohlbefinden ihrer Mitmenschen. Sie ist großherzig und liebevoll. Sie ist meine Tochter und ist bald drei Jahre alt.
FR: Jedes Alter hat seine Themen. Es gibt viele Musikerinnen, die mich inspirieren. Menschen, die mit Sprache Bilder malen können faszinieren mich, darum ist mein Vorbild Vera F. Birkenbihl. Sie ist zwar keine Musikerin, aber eine echtes Sprachtalent. Sie ist für mich das Sinnbild von humorvoll-verblüffender Präzision. Sie versteht es wie keine Andere, komplexe Zusammenhänge verständlich und amüsant zu transportieren. Ihre Leichtigkeit und der spielerische Umgang mit Wissen inspirieren mich immer wieder. 
Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
SF: Ich möchte, dass mein Leben einen Unterschied im Leben von anderen bewirkt. Dafür bin ich persönlich und geschäftlich aktiv und freue mich auf vielfältige Aufgaben.
FR: Ich möchte dazu beitragen, dass die enormen Möglichkeiten, die ich in der Anwendung von Wissensmanagement kennengelernt habe, in der Breite der Gesellschaft erlebbar werden. Jetzt genieße ich den Sommer mit meiner Familie & Freunden und plane auch in Zukunft immer wieder Zeit für bewusste Pausen ein, um auch persönliche Ziele zu erreichen.
Was hinter der Plattform Key2be.me steckt und wie Franziska Raabe und Stephanie Faisal ihr Unternehmen aufgebaut haben, lesen Sie hier:
Key2be.me: Berufsorientierung aus Lübeck hilft Schülern, Studenten und Unternehmen
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Der Buchtipp

„Wir brauchen vier Umarmungen am Tag zum Überleben, acht Umarmungen am Tag zum Leben und 12 Umarmungen am Tag zum innerlichen Wachsen“ – so die These der Psychotherapeutin Virginia Satir. Jeden Tag 12 Umarmungen. Klingt das nicht schon nach einem guten Versprechen? Aber wie müssten diese 12 Umarmungen beschaffen sein, damit sie uns Frauen helfen, voranbringen, unterstützen, gut tun?
Wiebke Harms, Julia Möhn und Liske Jaax stellen in diesem Buch 12 Impulse vor, mit denen Frauen sich in ihrem Alltag gegenseitig unterstützen und stärken können: Zum Beispiel mit Komplimenten an der Fahrradampel, radikaler Ehrlichkeit und dem Schaffen eines Sicherheitsnetzes. Denn Solidarität, Gemeinschaft und Zusammenhalt lebt und erlebt man am besten täglich, um kleine Herausforderungen des Lebens und große gesellschaftspolitische Fragen besser bewältigen und verändern zu können und Feminismus einfach zu leben. 
Die 12 Impulse sind eine Antwort auf die Frage: Was können wir jetzt tun? Ein feministischer Call-to-action Plan, der im Kleinen oder im Großen funktioniert. Im Job und im Privaten. Die 12 Impulse befreien uns von dem Gefühl der Machtlosigkeit und helfen uns, ins Handeln zu kommen.  
Erschienen bei Droemer Knaur, 240 Seiten, 15 Euro
Twitter-Diskussion der Woche

Ich habe nach dem langen Corona-Winter fast verdrängt, dass dieses Jahr trotz allem die Fußball-Europameisterschaft der Herren stattfindet. Statt der sportlichen Ereignisse war dieser Tage die Stadionbeleuchtung in den Schlagzeilen: Die Münchner Allianz-Arena sollte zum Spiel Deutschlang gegen Ungarn in Regenbogenfarben erstrahlen. Die Beleuchtung sollte ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz sein, während in Ungarn ein neues Gesetz die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt. Die UEFA hat den Antrag auf die Regenbogen-Lichter abgelehnt - und stieß damit in der Twitter-Community auf großes Unverständnis.
Hazel Brugger
Überprüfen sie Homophobie im Fußball oder suchen sie in der Binde nach Drogen oder klären sie ab, ob das vielleicht gar keine Kapitänsbinde war, sondern Manuel Neuer, der sich sich selbst um den Arm gebunden hat? https://t.co/pePsaJ0NJ5
Peter Wittkamp
Die Uefa verbietet Regenbogenfarben am Münchner Stadion. Plan B: Wir brauchen jetzt 11 entschlossene Nationalspieler und einen Friseur, der schnell und gut färben kann. #Regenbogenfarben
FrauFrohmann
Man sieht die Toleranz der deutschen Nationalmannschaft bei jedem Spiel an den vier Gendersternchen auf dem Trikot.
Ria Schröder 🏳️‍🌈
Liebe CDU/CSU,
toll, dass ihr euch für die Allianzarena in Regenbogenfarben einsetzt, aber wie wär‘s mit

🌈 Blutspendeverbot abschaffen
🌈 Sexuelle Identität in Art. 3 GG
🌈 Konversionstherapien vollständig verbieten
🌈 Transsexuellengesetz abschaffen

statt Symbolpolitik? 😘
Marina Kormbaki
Und jetzt, da die 🏳️‍🌈 wieder eingerollt sind, schaffen Funktionäre, Trainer, Fans und Spieler auf dem Platz, auf den Rängen und in der Kabine ein Klima, das Comingouts ermöglicht, ja? Will sich bestimmt keiner nachsagen lassen, es bei Symbolik zu belassen.
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